Gefangen in der Zeit

Rudolfine Haiderer

„Sie kommen!“, hieß es.
   Es war in Wien, im Februar neunzehnhundertvierunddreißig, etwa sechs Uhr abends, da lief die junge Frau vom obersten Stockwerk hinunter, zwei Stufen auf einmal nehmend, wie damals, als sie noch Kind war und ungeduldig, zum Spielen in den Hof zu kommen. Einen Augenblick lang dachte sie: Das elektrische Licht ist abgeschaltet worden, wenn ich jetzt hinfalle und mir das Gesicht aufschlage, wird niemand da sein, der mich hochhebt und mich tröstet. Aber in ihrem Herzen war so viel zitternde Angst, dass sie wusste, sie würde nicht hinfallen, nicht, bevor sie unten auf der Straße gestanden hätte, nicht, bevor sie ihn in die Arme schließen und lebendig gespürt haben würde.
   Aber die Straße war leer, wie sie mit einem neuerlichen Schwall von Herzensangst feststellen musste, er war nicht gekommen, niemand war noch zurückgekommen. Hinter ihr liefen die anderen Frauen aus den Wohnungen, drängten zum Haustor hinaus und starrten, wie sie, verzweifelt die Gasse hinauf und hinunter. Die Kinder, die nachkamen und von denen sich manche an die Röcke der Mütter klammerten, andere wieder, besonders die Buben fortliefen und von den Frauen mit aufgeregten hohen Stimmen zurückgerufen wurden, sie vermehrten noch das Durcheinander, das Hin und Her der Frauen, die nicht wussten, sollten sie fortgehen, den Männern entgegen, die kommen würden, kommen mussten, oder zurück in die Wohnungen, die Kinder zum Schlafen zu bringen, oder bleiben und warten, gleich werden sie kommen, müssen sie kommen!
   Sie hatte sich am weitesten vorgewagt, der Hütteldorferstraße entgegen, von wo man ein Schreien und Rufen hörte, ein Brausen von hunderten Stimmen, das fast wie ein Singen war. Und da marschierten sie! Eine dunkle Masse von Leibern, schwarz vor dem flammenden Licht der Fackeln, die sie trugen.
   Oh mein Gott, dachte sie, wo wollen sie hin, in die Stadt, zum Parlament? Dort wird gekämpft und geschossen, Schwarz gegen Rot, Heimwehr gegen Schutzbund, Christlich-Soziale gegen Kommunisten, man weiß nicht mehr, wer ist wer, wo ist Recht, wo ist Unrecht! Jeder ist gegen jeden! Nein, nein, lieber Gott, lass ihn nicht dabei sein! Schon wollte sie weiterlaufen, um ihn zu suchen, zurückzuholen. Sie glaubte, sie müsse ihn erkennen unter all den anderen, unbedingt! Und es müsse ihr gelingen ihn aufzuhalten, allein damit, dass sie da war und nach seiner Hand griff.
   Da hörte sie hinter sich ihren Namen flüstern, leise, doch laut genug, dass es sie herumriss. Und mit einem Blick sah sie, dass er verwundet war, denn mit der einen Hand hielt er die Schulter des anderen Armes fest.
   Aber es war nicht die Sorge um ihn, die ihre Beine nun weich werden ließ, als wäre alle Kraft aus ihnen fortgeronnen, wie Wasser aus einer defekten Leitung, es war die Erleichterung, ihn wiederzuhaben, atmend und lebendig, wahr und wahrhaftig wieder hier, so dass sie taumelte und er sie auffangen musste mit seinem verwundeten, schmerzenden Arm, und sie beide zu Boden sanken, blutend, aber sich aneinander klammernd.
   Und da war alles plötzlich nicht mehr wahr und nicht mehr wichtig, nur das Eine: endlich einander wiederzuhaben …

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von Rudolfine Haiderer

> Beispielgeschichte <15min

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